Im Ende der Anfang aller Hoffnung
- 19.04.2025 -
Die Botschaft von Landesbischöfin Heike Springhart zu Karfreitag und Ostern
Karlsruhe, (19.04.2025). „Die Auferstehung ist das Wunder neuer Hoffnung in hoffnungslosen Situationen. Gott macht dem Tod ein Ende und bietet Gewalt, Morden und Folter die Stirn. Das ist die Saat der Hoffnung, die an Ostern gelegt wird“, schreibt Heike Springhart, Bischöfin der Evangelische Landeskirche in Baden, in ihrer diesjährigen Botschaft zu Karfreitag und Ostern. Eine Hoffnung, die jeder persönlich weitergeben und leben könne.
Die Osterbotschaft der Landesbischöfin im Wortlaut:
Es gibt Stille, die kaum auszuhalten ist. Das ist die Stille, die einkehrt, wenn ein Mensch gestorben und das Leben unwiderruflich zu Ende ist. Es ist die Stille, die über den Trümmern des zerbombten Krankenhauses in Gaza in den Rauchschwaden sitzt. Und die Stille, die einen ergreift beim Gang über das Gelände des Nova-Festivals und beim Blick in die Gesichter der grausam Ermordeten auf den Fotos. Es ist die Stille in den Seelen von Menschen, die durch sexualisierte Gewalt traumatisiert und zum Schweigen gebracht sind. Denen es kaum möglich ist, Worte zu finden für das, was sie ihr Leben lang belastet. Diese Stille ist die Stille des Karfreitags. An diesem Tag gedenken Christinnen und Christen der Stille auf Golgatha, nachdem Jesus Christus am Kreuz qualvoll gefoltert und den Mächten und Gewalten hingegeben gestorben ist. Schweigt Gott zu all dem, was an abgründigem Leid geschieht? Das ist die bohrende Frage seit dem Schrei des Gottessohnes am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Karfreitag ist der Tag, an dem das Ende aller Hoffnungen und der Blick auf die Schuld alles verstummen lässt. Deswegen läuten die Kirchenglocken an diesem Tag nicht, die Orgeln schweigen im Gottesdienst und die Kerzen werden ausgelöscht.
Kurz vor seiner Hinrichtung vor 80 Jahren, am Ende aller Hoffnung auf einen guten Ausgang der Gefangenschaft, sagte der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“ Dieser Satz steht zwischen Karfreitag und Ostern. Das Ende des im Widerstand Engagierten war der Tod durch den Strang. Woher kommt Hoffnung, wenn alles in Stücke bricht? Das ist die Frage, die aus der Karfreitagsstille dröhnt.
Anfang des Jahres habe ich über diese Frage mit Schülerinnen und Schülern der Schule „Talitha Kumi“ in Beit Jala im Westjordanland gesprochen. Sie hatten viel zu sagen darüber, was ihnen Hoffnung gibt: „dass wir Besuch bekommen und gesehen werden von Ihnen.“ und „dass ich meine Cousine mal wieder sehen darf.“ und „dass die Waffen gerade schweigen.“ Sie haben mir ihre Hoffnung in Form einer Vase mitgegeben, die die Form eines Granatapfels hat. Das Symbol für Auferstehung und Leben, weil er in sich das pralle Leben hat, obwohl er nach außen unscheinbar wirkt. Die Blumen, die sie mir gepflückt haben, erinnern mich auch in getrockneter und gepresster Form an die Hoffnung, die sie mir mitgegeben haben.
Am Ostermorgen kehrt das Leben zurück. Die bedrückende Stille weicht den leisen Tönen der Hoffnung. Es ist nicht die Wiederbelebung dessen, was vergangen und abgebrochen ist. Nach der Auferstehung begegnet Jesus den Seinen anders als zuvor. Deswegen erkennen sie ihn auch erst nicht. Der Evangelist Lukas erzählt von zwei Jüngern auf dem Weg nach Emmaus, die den Auferstandenen erst erkennen, als er mit ihnen das Brot bricht, obwohl ihnen schon vorher das Herz gebrannt hat im Gespräch mit ihm. Der Evangelist Johannes erzählt vom Jünger Thomas, der Jesus erst erkennt, als er den Finger in seine Wunden legt. Die Frauen, die am Ostermorgen zum Grab gehen, erschrecken erst einmal nur darüber, dass der Leichnam nicht mehr da ist. In verschiedenen Geschichten erzählt die Bibel von der Auferstehung. Alle sind hineingesprochen in Situationen von Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung, Trauer und Angst. Ostern ist kein triumphales Fest. Die Auferstehung ist das Wunder neuer Hoffnung in hoffnungslosen Situationen. Gott macht dem Tod ein Ende und bietet Gewalt, Morden und Folter die Stirn. Das ist die Saat der Hoffnung, die an Ostern gelegt wird. Es ist die Hoffnung, die eine weitergibt, wenn sie den Menschen nicht links liegen lässt, der bettelnd am Straßenrand sitzt. Die Hoffnung, die der weitergibt, der im Gespräch bleibt auch mit dem, der eine andere Meinung hat. Und die Hoffnung, die eine lebt, die auch dann am Bett sitzen bleibt und die Hand hält, wenn alles zu Ende geht.
Die Wunden von Karfreitag bleiben, die Stille über den Gräbern dröhnt noch immer und die Spuren von Gewalt in den Seelen sind nicht einfach weg. Aber an Ostern bekommt die Hoffnung Raum, dass die Wunden sich verändern. Der Auferstandene ist an seinen Wunden erkennbar, aber sie haben ihre zerstörerische Kraft verloren. Am Ostermorgen kehrt das Leben zurück und Gott durchbricht die unerträgliche Stille. Das setzt allem Kriegstreiben und Großmannsgebahren ein Ende. Am Ende steht der Beginn des neuen Lebens. Und die Glocken läuten wieder.
Persönliches Wort zu Ostern von Landesbischöfin Heike Springhart


